Seife wie Schmirgelpapier

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Marianne Endemann als junge Frau

Eine 85jährige erinnert sich an 1947 im Marienhospital

Ein Teil des Marienhospitals stand nach dem Krieg noch, dort fand die 14jährige Marianne Endemann 1947 eine Arbeit, so dass sie zuhause nicht zur Last fiel. Ein eigenes Bett im alten Bombenkeller zusammen mit sieben anderen Mädchen, tägliche Arbeit von halb sechs bis spät abends, für die Patienten da sein, waschen, putzen, spülen, die Ordensschwestern sagten, was zu tun war. Und immer wieder musste Marianne die Behringstraße runterlaufen, um Mitbürger an das in Hombruch damals einzig funktionierende Telefon in der Pforte zu holen. Ein primitives Bett, zu essen und ganze 14 Mark die Woche, das war damals viel. Nur alle drei Wochen bekam sie frei für die Fahrt zur Familie.

Waschen konnte Marianne sich am Waschbecken auf dem Flur, in Ausnahmefällen durfte sie die für Patienten vorgesehene Wanne benutzen. Gewaschen hat sie sich immer mit der damals üblichen Sandseife, die wie Schmirgelpapier auf der Haut brannte. Eines Tages wurde sie zwar stolze Besitzerin eines ganz richtigen Stücks Seife, die hütete sie wie ihren Augapfel zwischen der Wäsche, diese Seife war ihr viel zu kostbar zum Verbrauchen.

Heimkehr aus russischer Gefangenschaft

Jahrelang wusste die Familie nicht, ob der Vater noch lebte oder im Krieg gefallen war. Dann war das erste Lebenszeichen über einen Kameraden gekommen, russische Kriegsgefangenschaft im Kaukasus. Immerhin war er noch am Leben. Wie lange noch? Man wusste ja, dass die Lebensbedingungen in Russland sehr schlecht waren, auch die Bevölkerung hatte nur wenig zu essen, und die Zustände in den Kriegsgefangenenlagern waren noch schlimmer, viele überlebten das nicht.

Schließlich gab es einen spärlichen Nachrichtenkontakt, immer nur eine magere Karte, die aussah wie Packpapier. Der Vater durfte nur das schreiben, was auf diese Karte passte, und zwar immer in Druckschrift, damit die russischen Bewacher lesen konnten, ob er auch nur Gutes und Unverfängliches geschrieben hatte.

Nachricht vom Vater aus CCCP-Lager 7236 im Kaukasus

Am 8. Juli 1948 wurde Marianne Endemann plötzlich von der Spüle weggerufen: „Da ist jemand für dich an der Pforte!“ Seltsam, dachte sie. Aber dann stand da ein abgemagerter bärtiger Mann, den sie erst nicht erkannte. „Pappi!!!“ schrie sie aber dann. „Kind, wo sind denn deine Zöpfe?“ waren seine ersten entgeisterten Worte, so erstaunt war er über das kurze Haar seiner inzwischen fünfzehnjährigen Tochter. – Riesigen Hunger hatte er, die vorsichtig gereichte Milchsuppe hatte er schnell herunter geschlungen. „Habt ihr nicht was Richtiges?“ „Nur Erbsensuppe.“ Trotz der Gefahr, denn sein Magen war nicht mehr an Essen gewöhnt, wollte er die unbedingt haben und er aß sie mit so andächtigem Genuss, dass sein Magen anscheinend mitspielte.

Die Schwestern freuten sich mit den beiden, sie ließen den Vater baden und besorgten frische Wäsche, für die Soldatenuniform, die er immer noch trug, konnten sie trotz allen Suchens keinen Ersatz finden.

Interview: Brigitte Leyh, 2017