Hunger oder „Rettet meine Kaninchen!“

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Eine Hombrucherin (Jg.1926) erinnert sich:


Hunger oder „Rettet meine Kaninchen!“

Wenn nach den Bombenangriffen auf Hombruch ab 1944 die Lebenden gezählt und die Verletzten versorgt waren, ging es darum, die eigenen Besitztümer aus den Trümmern zu holen und zu sichern. Einmal war der Kaninchenstall der Nachbarin zerstört und die Frau rief ganz verzweifelt: „Rettet meine Kaninchen!“ Die kleinen Kinder brauchten die Kaninchen zum Kuscheln, die Nachbarin, so dachten sie voller Sympathie, anscheinend auch. Aber zum Kuscheln waren sie nicht. Die meisten Menschen litten oft Hunger. Wer noch Kaninchen zum Schlachten hatte, konnte sich glücklich schätzen. Ansonsten wurde „ alles, was grün war“ gegessen. Die Familie besaß ein Klavier. Dafür versprach ein Bauer aus dem Münsterland ihnen 4 Zentner Mehl. Das Klavier holte er ab, dafür nahm er das Risiko auf sich, Schwarzmarkthandel zu betreiben. Aber das Mehl musste die Familie selbst holen. Die 91jährige alte Dame erinnert sich, dass sie mit ihrer Schwester unzählige Male ins Münsterland fuhr und zu dem Bauern lief, um das Mehl in Koffern und Rücksäcken portionsweise nach Dortmund zu befördern, die ganzen 400 Pfund! Das Mehl wurde zuhause in einer Truhe aufbewahrt, das Mehl aus der Truhe mit den Eiern von den Hühnern, das ergab wunderbare Nudeln. Köstlich.

Übrigens, als am 13. April 1945 die Amerikaner kamen, hängte die Familie ein weißes Tuch als Fahne aus dem Fenster und war erleichtert, als der amerikanische Soldat sie nicht weiter behelligte. Der einzige Schaden, den er beim Durchsuchen des Hauses nach versteckten Soldaten anrichtete, war ein kaputter Seidenstrumpfvon der Wäscheleine, der sich in seinem aufgepflanzten Bajonett verfangen hatte,sehr zum Leidwesen seiner sonst so stolzen Besitzerin. Trotzdem waren alle froh, dass die in notdürftigem Englische gegebene Auskunft „Faser ill“(Vater krank) den Soldaten zum Rückzug aus dem Haus und Rücksicht auf die Bewohner gebracht hatte.

Brigitte Leyh