Familiensinn und Nähseide

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Hannelore Kulikow geb. Elbrecht (Jg. 1930): + 12/2017

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Familiensinn und Nähseide

Als der Krieg ausbrach, war Hannelore Elbrecht neun Jahre alt. Was ist davon im Gedächtnis der fast 87-Jährigen geblieben? Im Gespräch mit ihr entwirft sie keine Horrorszenarien mit Leichen und Ruinen in Dortmund-Brünninghausen. Ihre Geschichte ist eine vom Zusammenhalt der Familie und von der engen Bindung an die Eltern..

Hannelore wohnte mit ihrer Familie in der Nortkirchenstraße, die Nummer kann 236 gewesen sein, auf jeden Fall war unten der Friseur Bonekamp. Wenn der Bombenalarm kam, liefen alle Hausbewohner in den Bunker bei der Kayser-Brauerei. Dass der Bunker immer sehr voll war und dass alle aufatmeten, wenn sie wieder raus konnten, erinnert sie noch, auch, dass einmal eine Bombe das Schlafzimmer weggerissen hatte. Ja, das hat der Vater mit Freunden wieder aufgebaut, und in der Zwischenzeit wohnte die Familie bei der Tante. Der Vater war als Bergmann unabkömmlich, er musste also nicht in den Krieg und für das Vaterland im Bergbau arbeiten. Er radelte jeden Tag bei Wind und Wetter die lange Strecke mit seinem Fahrrad zur Zeche nach Dorstfeld, notfalls bei Eis und Frost mit von der Mutter genähtem Gesichtsschutz. Er war ein sehr zuverlässiger Ehemann, deshalb war die Mutter einmal außer sich vor Angst vor einem Unglück auf der Zeche oder etwas ähnlich Schrecklichem, als er einmal nicht zur normalen Zeit nach Hause kam. Dabei hatte er sich nur dieses einzige Mal ein paar Bierchen mit seinen Kollegen gegönnt… 1943 etwa kam die Kinderlandverschickung: Alle Kinder sollten in weniger gefährdeten Regionen das Kriegsende abwarten. Hannelore konnte diesem Gruppenzwang ausweichen, indem sie zur Tante in Wiedenbrück gebracht wurde. Bei Onkel, Tante und Kusine verbrachte sie somit ihr letztes Schuljahr in recht angenehmen Verhältnissen, denn die Verwandten lebten ganz gut im eigenen Haus, litten keinen Hunger und hätten sie sogar gern adoptiert. Aber trotz dieser verlockenden Bedingungen wollte Hannelore nicht bleiben, dafür vermisste sie ihre eigene Familie zu sehr und hatte Heimweh. Dass der Vater einmal zu Besuch kommen konnte, war zwar schön, aber viel zu kurz. Als er auf dem Bahnhof wieder abfuhr, weinte Hannelore bittere Tränen, und ein Mädchen vom Bund Deutscher Mädel (BDM), dem ihr heulendes Elend aufgefallen war, konnte sie kaum beruhigen. Nach dem Schulabschluss durfte Hannelore immer noch nicht nach Hause, sie musste noch ein Pflichtjahr absolvieren. Das mussten alle jungen Leute, die nicht kriegsverpflichtet waren, entweder mussten sie ein Jahr in der Industrie, auf dem Lande oder im Haushalt arbeiten. Hannelore hatte Glück. Sie bekam in Wiedenbrück eine Stelle im Haushalt. Sie musste einer netten Frau, deren Mann im Krieg war, mit ihren drei Kindern helfen. Nach Ablauf des Pflichtjahres kam ein anderer Onkel auf einer Hamsterfahrt mit einem Kleinlaster vorbei und sagte:“Wenn du willst, kannst du mit nach Hause!“ Natürlich erzählte er von den schwierigen Bedingungen in Dortmund und wunderte sich, dass sie trotzdem mit wollte. So kam Hannelore nach zwei Jahren nach Hause. Sie wurde hinten auf der Ladefläche ordentlich durchgeschüttelt. Sonstige Einzelheiten über kaputte Straßen, Ruinen, das alles ist vergessen, aber dass Haus und Familie in Ordnung waren, das war wichtig und sie war glücklich. Da Hannelore ihr Pflichtjahr absolviert hatte, durfte sie jetzt eine Lehre antreten. Die Lehrstelle als Schneiderlehrling war in der Peter-Hille-Straße in Kirchhörde. Die Nähseide war aber so knapp, dass die Kunden sie selbst mitzubringen hatten. Nähseide war aber bei den vielen nötigen Reparaturen, die in allen Haushalten und an vielen Kleidungsstücken anfielen, so kostbar, dass die Meisterin Nähseide auch gegen andere Gebrauchsgüter eintauschen konnte. Die Nähwerkstatt war übrigens in der Küche. Wie viele jungen Leute wollte auch Hannelore bei Pieper zum Tanzen gehen. Das fand statt im großen Saal der Kneipe, aber die Mutter hatte ihr verboten dort hinzugehen. Angeblich schickte sich das nicht für ein anständiges Mädchen. Hannelore ging aber mit einer Freundin trotzdem hin und wurde auch zum Tanzen aufgefordert. Eines Tages entdeckte sie zu ihrem Entsetzen das Gesicht ihrer Mutter hinter den mit Brettern festgenagelten Scheiben. Was hat sie geschimpft! Immerhin hat Hannelore ihren späteren Mann, eine Kraftfahrer, beim Tanzen getroffen und bekam später mit ihm drei Kinder. Kriegsgeschehen? Das meiste ist abgehakt, aber dass eines Tages massenweise Menschen am Haus in der Nortkirchenstraße vorbei getrieben wurden und von der Ardeystraße aus nach Pieper hin, von denen es später hieß, sie seien alle im Rombergpark erschossen worden, das hat sie nicht vergessen.

Brigitte Leyh