Die Haare zu Berge oder „Mama, Scho-kolade, kann man das essen?“

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Winfried Berlin  (Jg. 1939) ist vorsichtig. „Ich kann Ihnen nur sagen, was ich in Erinnerung habe, Ich war ja nur ein kleiner Junge damals.“

Vater Jupp brauchte zur Kriegszeit nicht „ins Feld“, wie man damals sagte, er war Bergmann und somit im Ruhrgebiet unabkömmlich. Er war vermutlich sozialdemokratisch eingestellt, jedenfalls sei er kein NSDAP-Mitglied gewesen. Die Wohnung der Familie Berlin war in der Singerhoffstr. 30, dazu gehörte im Hinterhof ein „Sechziger“-Gartenstück (vermutlich 60 m²) mit Kaninchen und Gemüse. Viel zu essen gab es während des Krieges aber nicht, einmal ist der Vater mit dem Fahrrad sogar bis nach Steinheim gefahren, um da irgendwas einzutauschen. Der kleine Winfried hantierte gern mit Hammer und Nägeln und „half“ dem Vater auch beim Bau einer Hütte im Garten, freute sich aber auch, wenn der französische Kriegsgefangene des Bäckers auf der Kuntzestraße mit dessen Pferden vorbeikam. Der war ganz nett, hob ihn hoch und ließ ihn bis zur Weide ein Stück auf einem der Pferde reiten. Da hoch oben zu sitzen war toll. Wenn es Bombenalarm gab, hatte die 11 Jahre ältere Schwester die Aufgabe, den kleinen Bruder und ein Köfferchen in je eine Hand zu nehmen und zum Bunker in die Hombrucher Straße zu rennen. Die Mutter trug das größere Gepäckstück. Man wusste ja nie, ob die Wohnung noch da war, wenn man zurück kam. Ab Mai 1944 fielen auch Bomben auf Hombruch, es gab Tote und Verschüttete, die gerettet werden mussten. Der Vater hat einmal zwei eingeklemmte Frauen aus Trümmern befreit, die ältere ist dann doch gestorben, aber die junge Frau Bierbaum ist sehr alt geworden. – Der kleine Winfried entdeckte einmal sieben Tote in einer Gartenlaube, die auf Abholung warteten. Es waren so viele Tote, dass von Feierlichkeiten keine Rede sein konnte, die Toten wurden einfach auf einen Pferdewagen geworfen und weg gebracht. Im März 1945 hatte eine Bombe das Elternhaus genau in der Mitte getroffen, der Vater, der nicht mit in den stickigen Bunker gewollt hatte und lieber auf das Haus aufpasste, hatte nur überlebt, weil er zufällig ins Badezimmer gegangen war. Nachher war alles weg, nur das Badezimmer war noch da – mit dem Vater! Für ein paar Tage wurde deshalb das Badezimmer für die Familie zur Wohnstätte, bis sie eine andere Wohnung in der Harkortstraße zugewiesen bekamen. In den Trümmern suchte der Vater noch ein paar Habseligkeiten. Dabei entdeckte er die Leiche eines schwerhörigen alten Nachbarn unter den Trümmern, der den Alarm nicht gehört hatte, und aus irgendeinem Grund hatte niemand ihn warnen können. Einmal wurde über ihnen plötzlich ein richtiger Bombenteppich ausgeklinkt, der Onkel schrie: “Los, alle in den Bombenrichter. Entweder wir überleben das oder wir gehen alle drauf!“ Als der Angriff vorbei war, war Klein-Winfried tief beeindruckt, denn dem Onkel standen die Haare so komisch und unnatürlich hoch und alle sagten dazu, ihm standen die Haare „zu Berge“! So etwas erlebte und lernte man im Krieg, nicht aber, was Schokolade war. Wenn man das nach Kriegsende von einem amerikanischen Soldaten bekam, musste man erst herausfinden, was es war: „Mama, kann ich das essen?“

Herr Berlin Jung.jpg Herr Berlin mit seiner Mutter


„PSST! Die wollen den Opa Schwartz abholen!“ Winfried Berlin (Jg. 1939)wohnte mit seiner Familie als kleiner Junge in der Singerhoffstr. 30 auf dem gleichen Flur wie die Familie des in Hombruch bekannten Karl Schwartz, der 1945 als Kommunist oder Sozialist (darum sind sich die Leute nicht einig) noch kurz vor Kriegsende Opfer der Nationalsozialisten wurde. Opa Schwartz“, wie Klein-Winfried ihn nannte, konnte ein paarmal der Verhaftung entgehen, da die Berlins bereit waren, ihn in ihrer Wohnung zu verstecken. Und dann taten sie einfach so, als sei niemand zuhause, damit keiner der Gestapo-Leute bei ihnen schellte.

Herr Berlin mittel.jpg Josef Berlin („Jupp“)

Winfried Berlin war damals kaum sechs Jahre alt, aber er erinnert sich noch sehr gut daran, wie still sie alle in der Wohnung sein mussten und wie erleichtert die Eltern und „Opa Schwartz“ jedes Mal waren, wenn die bedrohlichen Männer das Haus wieder verlassen hatten. Als kleiner Junge wusste er damals noch nicht, dass es die Gestapo war, die den Sozialisten Karl Schwartz finden wollte. Aber die Anspannung spürte er sehr genau. Irgendwann, so erinnert sich der heute über Siebzigjährige, kam der Vater und sagte bitter: „Jetzt haben sie den Karl doch noch ermordet!“ Die Einzelheiten bekam der kleine Winfried nicht mit, wohl aber, dass der Vater seine mit Stacheldraht gefesselte Leiche in einem Bombentrichter fand. Aber da war der Krieg schon zu Ende, und „Opa Schwartz“ war kurz vor der Kapitulation noch von seinen eifrigen Mördern erschossen worden.

Stolperstein Schwartz.jpg

Stolperstein für Karl Schwartz, nach dem auch die gleichnamige Straße an der Gotthelf-Halde benannt ist.